Nierenerkrankungen

Leichte Anämie bei chronischer Nierenerkrankung

Puh, anstrengend! Trotzdem gilt:
EPO erst bei niedrigem
Hämoglobinspiegel.

Sind Menschen von einer chronischen Nierenerkrankung betroffen,
kommt häufig eine Anämie (Blutarmut) hinzu. Die Ursache dafür liegt
hauptsächlich darin, dass die Nieren zu wenig vom Hormon Erythropoetin
(EPO) bilden. Je ausgeprägter die Anämie ist, desto niedriger ist der
Hämoglobinwert, also der Anteil des roten Farbstoffs im Blut. Symptome
für eine Anämie sind etwa Herzrasen, Atemnot, rasche Erschöpfung und
Schwindel. Um die Anämie zu behandeln, kommen Eisenpräparate und auch EPO zum Einsatz.

EPO sollte bei einer chronischen Nierenerkrankung und Anämie erst dann gegeben werden, wenn der Hämoglobinspiegel unter 10 g/dl Blut liegt.

Studien konnten bislang aber nicht zeigen, dass die Gabe von EPO Erkrankungen von Herz und Blutgefäßen bzw. die Notwendigkeit einer
Dialyse oder Nierentransplantation verhindern kann. Sind bei einer chronischen Nierenerkrankung keine Beschwerden einer Anämie vorhanden, oder ist die Anämie nur leicht ausgeprägt, wird keine EPO-Therapie empfohlen. Sie bringt keine Vorteile und kann auch schaden. Erst bei einem sehr niedrigen Hämoglobinwert (10 g/dl Blut oder weniger) und den Symptomen einer Anämie sollte EPO zum Einsatz kommen.

Ausführliche Information einblenden

Keine EPO-Therapie bei chronischer Nierenerkrankung und leichter Anämie

Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung zeigen häufig eine Anämie (Blutarmut). Das ist der Fall, wenn zu wenig Blutkörperchen (Erythrozyten) oder roter Blutfarbstoff (Hämoglobin) im Blut sind. Das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Herzinfarkte und Schlaganfälle ist durch eine Anämie erhöht. Denn wenn weniger Hämoglobin im Blut zirkuliert, steht auch weniger Sauerstoff zur Verfügung (1). Das kann dazu führen, dass Herz und Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Eine ausgeprägte Anämie kann dazu führen, dass die chronische Nierenerkrankung schneller fortschreitet – bis hin zur Notwendigkeit einer Dialyse oder einer Nierentransplantation. Um die Blutbildung anzuregen, stehen Eisen und Substanzen zur Verfügung, die die Bildung von roten Blutkörperchen anregen (= Erythropoese-stimulierende Substanzen). Das Hormon Erythropoetin, oder kurz EPO, ist das bekannteste Mittel. Es wird auch als Dopingmittel im Sport verwendet, um Höchstleistungen zu erzielen. In unserem Körper wird EPO zum größten Teil von der Niere produziert. Bei chronisch Nierenkranken nimmt die Produktion umso mehr ab, je weiter die Krankheit fortgeschritten ist. Dennoch sollten Nutzen und Risiken einer EPO-Gabe gut abgewogen werden, denn die Behandlung birgt auch Risiken: Studien zeigen, dass sich durch die Gabe von EPO eine Herzschwäche entwickeln oder verschlechtern kann und früher mit einer Dialyse begonnen wird. Studien zeigen auch, dass eine EPO-Behandlung Schlaganfälle begünstigen kann. Der Mechanismus dahinter ist unklar. Es könnte sein, dass dickflüssigeres Blut und ein vermehrter Gefäßwiderstand zu einer geringeren Durchblutung im Gehirn führen (2).

EPO-Therapie: Abwägen von Nutzen und Risiko

Liegen Symptome wie Herzrasen, Atemnot, rasche Erschöpfung, Schwindel oder Kopfschmerzen vor, ist auch die Behandlung einer leichten Anämie sinnvoll. Bei beschwerdefreien Menschen mit chronischer Nierenerkrankung und leichter Anämie bringt die Gabe von EPO keinen Vorteil (3). Mehrere Studien verglichen, ob eine Anämie bereits bei einem Hämoglobinwert von 10 g/dl Blut behandelt werden soll oder erst bei niedrigeren Werten (4-6). Akute Herzschwäche, Herzinfarkte, Angina pectoris (Brustenge) oder die periphere Verschlusskrankheit („Schaufensterkrankheit“) waren in beiden Gruppen ähnlich häufig, unabhängig davon, ob eine leichte Anämie behandelt wurde oder nicht. Auch die Rate an Personen, die eine Dialyse oder Nierentransplantation brauchten, war in beiden Gruppen ähnlich. Bei Menschen, deren Hämoglobin-Konzentration bei genau 10 g/dl Blut liegt, müssen die Vor- und Nachteile der Behandlung gut abgewogen werden. Erfolgt keine Behandlung, gilt es zu beobachten, wie schnell der Hämoglobinwert absinkt und ob vielleicht eine Bluttransfusion notwendig wird. Die kanadische Fachgesellschaft für Nephrologie empfiehlt eine Therapie mit EPO erst, wenn der Hämoglobinwert bei einem erwachsenen Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung unter 10 g/dl Blut liegt (3).

Gut zu wissen:

EPO kann auch schaden

An einer großen Studie nahmen 4038 Menschen mit chronischer Nierenerkrankung und Anämie teil (4). Ihr Hämoglobinwert lag bei 10 bis 11 Gramm pro Deziliter (g/dl) Blut. Normalerweise liegt der Hämoglobinwert bei Männern zwischen 14 und 18 g/dl Blut und bei Frauen zwischen 12 und 16 g/dl. Die Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen wurden in zwei Gruppen unterteilt: Eine Gruppe erhielt EPO mit dem Ziel, einen Hämoglobinwert von 13 g/dl zu erreichen. Die Placebo-Gruppe erhielt EPO nur dann, wenn der Hämoglobinwert unter 9 g/dl sank. Nach fast zweieinhalb Jahren Studiendauer hatten doppelt so viele Personen in der Gruppe mit dem höheren Zielwert einen Schlaganfall. In dieser Gruppe hatten 5 von 100 Personen einen Schlaganfall, während in der Placebo-Gruppe 2 bis 3 Personen pro 100 betroffen waren. Darüber hinaus traten in der Gruppe mit dem höheren Hämoglobinzielwert mehr Blutgerinnsel in venösen Blutgefäßen auf, wie zum Beispiel eine Beinvenenthrombose oder eine Lungenembolie. Allerdings waren in der Gruppe, die auch bei Hämoglobinwerten von 10 g/dl Blut mit EPO behandelt wurde, weniger Bluttransfusionen notwendig: bei 15 von 100 Personen. In der Placebo-Gruppe bekamen dagegen 25 von 100 eine Bluttransfusion.

FAZIT:

Erythropoetin (EPO) sollte bei einer Anämie in Kombination mit einer chronischen Nierenerkrankung erst dann eingesetzt werden, wenn der Hämoglobinspiegel unter 10 Gramm pro Deziliter Blut liegt.

1.            Heo J, Youk TM, Seo KD. Anemia Is a Risk Factor for the Development of Ischemic Stroke and Post-Stroke Mortality. J Clin Med. 2021;10(12).

2.            Yang R, Wang A, Ma L, Su Z, Chen S, Wang Y, et al. Hematocrit and the incidence of stroke: a prospective, population-based cohort study. Ther Clin Risk Manag. 2018;14:2081-8.

3.            Moist LM, Troyanov S, White CT, Wazny LD, Wilson JA, McFarlane P, et al. Canadian Society of Nephrology commentary on the 2012 KDIGO Clinical Practice Guideline for Anemia in CKD. Am J Kidney Dis. 2013;62(5):860-73.

4.            Pfeffer MA, Burdmann EA, Chen CY, Cooper ME, de Zeeuw D, Eckardt KU, et al. A trial of darbepoetin alfa in type 2 diabetes and chronic kidney disease. N Engl J Med. 2009;361(21):2019-32.

5.            Drüeke TB, Locatelli F, Clyne N, Eckardt KU, Macdougall IC, Tsakiris D, et al. Normalization of hemoglobin level in patients with chronic kidney disease and anemia. N Engl J Med. 2006;355(20):2071-84.

6.            Singh AK, Szczech L, Tang KL, Barnhart H, Sapp S, Wolfson M, et al. Correction of anemia with epoetin alfa in chronic kidney disease. N Engl J Med. 2006;355(20):2085-98.

Ausgewählt von

 

Österreichische Gesellschaft für Nephrologie fördert den Austausch praktisch-therapeutischer Erfahrungen und wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, koordiniert organisatorische Aufgaben für die Dialyse und Nierentransplantation und fördert den Betrieb und Ausbau von Dialysespezialabteilungen in Österreich einschließlich Heimdialyse.