Nierenerkrankungen

Erst nach gemeinsamer Abwägung mit einer regelmäßigen Dialyse beginnen

Wohin die Reise auch führt:
Entscheiden wir´s gemeinsam.

zuletzt aktualisiert: Mai 2022

Eine Entscheidung für eine chronische Dialyse erfordert gemeinsame
Überlegungen aller Beteiligten: Erst wenn die Vor- und Nachteile der Dialyseformen und des Ortes der Durchführung abgewogen wurden, sollte
mit einer regelmäßigen Dialyse begonnen werden. Sie kann für Menschen
mit einer Niereninsuffizienz (Nierenversagen) im letzten Stadium das Überleben verbessern und Symptome durch Flüssigkeitsüberlastung und Urämie (Harnvergiftung) lindern. Jede Form der Dialyse erfordert viel Zeit und persönlichen Einsatz, die Lebensqualität kann stark leiden.

Vor Beginn einer regelmäßigen Dialyse sollte die individuelle Situation der Patient*innen beurteilt und gemeinsam ein Versorgungsplan entwickelt werden.

Wann am besten mit einer chronischen Dialyse begonnen werden
soll, ist derzeit nicht gesichert. Zumeist wird begonnen, wenn Symptome einer Urämie oder andere Symptome auftreten, wie Erbrechen, Gewichtsverlust oder zu hoher Blutdruck. Liegen bei älteren Betroffenen außer der im Labor nachgewiesenen abnehmenden Nierenfunktion keine anderen Gründe vor, kann der Beginn der Dialyse aber so lange hinausgezögert werden, bis sich die Nierenfunktion stark verschlechtert.

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Regelmäßige Dialyse: Vor Beginn eine gute Entscheidungsbasis erarbeiten

Eine chronische Dialyse kann für Menschen mit einer Niereninsuffizienz (Nierenversagen) im letzten Stadium das Überleben verbessern und Symptome lindern, die durch Flüssigkeitsüberlastung und Urämie (Harnvergiftung des Blutes) entstehen (1). Alle Formen der Dialyse erfordern jedoch viel Zeit, sie sind anstrengend und belastend. Die stationäre Hämodialyse etwa nimmt ungefähr zwölf Stunden pro Woche in Anspruch. Dabei wird das Blut durch eine Maschine außerhalb des Körpers gereinigt. Die Dialyse zuhause (Heimdialyse) umfasst bis zu acht Stunden Behandlung an vier bis sieben Tagen pro Woche. Die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) wiederum bedeutet einen täglichen Aufwand. Das kann besonders für ältere Betroffene belastend sein. Die Lebensqualität kann stark unter einer Dialyse leiden. Menschen, die sich für eine konservative Behandlung ohne eine Dialyse entscheiden, leben zwar im Durchschnitt weniger lang, die Lebensqualität scheint jedoch weitgehend erhalten zu bleiben. Daher ist es wichtig, dass die Betroffenen, ihre Angehörigen und das ärztliche Team gemeinsam offen über die Vor- und Nachteile einer Dialyse sprechen. Ziel ist es, einen Versorgungsplan zu entwickeln, der die Wünsche und Werte der Patient*innen berücksichtigt.

Gute Vorbereitung bedeutet mehr Wohlbefinden und bessere Gesundheit

Wann der optimale Zeitpunkt für den Beginn der Dialyse ist, können Studien derzeit nicht sicher beantworten (2). Meist wird deshalb dann begonnen, wenn Symptome einer Urämie oder andere Symptome auftreten, wie Juckreiz, Erbrechen, Blutungen, Gewichtsverlust, oder wenn der Blutdruck aufgrund von zu viel Flüssigkeit im Kreislauf zu hoch ist. Es sollte bedacht werden, dass Patient*innen, die älter als 65 Jahre sind, in den 90 Tagen nach Beginn der Dialyse eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Wenn bei älteren Betroffenen keine anderen Gründe für den Start der Dialyse vorliegen, kann diese so lange hinausgezögert werden, bis sich die Nierenfunktion stark verschlechtert (glomeruläre Filtrationsrate unter 6 ml/min – lesen Sie mehr dazu in unserem Beitrag zur Dialyse bei fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung).

Die Wahl der Dialyseform und auch, ob die Dialyse sehr rasch und ohne Vorbereitung erfolgen muss, kann das Befinden und die Gesundheit der Betroffenen stark beeinflussen. Patient*innen und Ärzt*innen können bei der Behandlung auch unterschiedliche Ziele verfolgen: Während Ärzt*innen oft die Verbesserung von Blutwerten und ein möglichst langes Überleben zum Ziel haben, haben die betroffenen Patient*innen möglicherweise andere Prioritäten, wie etwa das Beibehalten ihres bisherigen Lebensstils. Zum Beispiel berichten Patient*innen, die zuhause eine Hämodialyse durchführen, dass sie gerne die Freiheit hätten zu reisen und dafür auch eine Verkürzung der Lebenszeit in Kauf nehmen würden.

Die richtige Form der Dialyse wählen

Einfluss auf die Wahl der Dialyseform hat unter anderem, ob die Dialyse sehr rasch (innerhalb von 48 Stunden) beginnen muss oder nicht (2). In diesem Fall wird häufig eine Hämodialyse angewendet, die vorzugsweise über eine künstliche Verbindung einer Arterie und einer Vene (Shunt) läuft oder über eine große Vene. Wenn ein Gefäßzugang nicht möglich oder das Herz-Kreislauf-System zu instabil ist, kann keine Hämodialyse durchgeführt werden. Bei der Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) wird das Bauchfell, das viele Organe überzieht, als Filter verwendet. Ist das Bauchfell wegen vorheriger Operationen verwachsen, könnte eine Peritonealdialyse schwierig werden. Ob die Dialyse zuhause oder in einem Zentrum erfolgen soll, muss individuell abgewogen werden. Die Dialyse zuhause ermöglicht Flexibilität, bietet mehr Freiraum und kann das Wohlbefinden steigern. Es wird geschätzt, dass bei bis zu 50 Prozent der Patient*innen mit einer chronischen Nierenerkrankung im Endstadium bei angemessener Unterstützung und Schulung eine Heimdialyse möglich ist.

Gut zu wissen

In einer Studie, die einen Zeitraum von 18 Jahren umfasste, wurden Krankenhausdaten von knapp 1000 Menschen mit einer fortgeschrittenen chronischen Nierenerkrankung untersucht (3). Es wurde erhoben, wie sich das Überleben von älteren Personen mit einer Dialyse von jenen mit einer konservativen Behandlung ohne Dialyse unterschied. Es zeigte sich, dass eine Dialyse für Menschen über 75 Jahre keinen statistisch signifikanten Vorteil für das Überleben bringt. Personen mit leichten Begleiterkrankungen lebten mit Dialyse sieben Monate länger als jene, deren Nierenerkrankung medikamentös behandelt wurde (37 versus 30 Monate). Bei älteren Personen mit schweren Begleiterkrankungen wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen war der Vorteil der Dialyse nicht sichtbar. Sie lebten im Schnitt mit Dialyse noch 20 Monate, mit konservativer Behandlung 26 Monate. Das bedeutet aber nicht, dass eine Dialyse bei älteren Patient*innen mit einer Niereninsuffizienz im letzten Stadium ganz ohne Vorteil ist. Eine individuelle Beurteilung ist in jedem Fall erforderlich.

FAZIT:

Bevor mit einer regelmäßigen Dialyse begonnen wird, sollte eine individuelle Beurteilung der Situation des oder der Betroffenen erfolgen. Zusammen mit dem Gesundheitsteam und den Angehörigen kann so ein Versorgungsplan entwickelt werden.

1.            Chan E, Hemmelgarn B, Klarenbach S, Manns B, Mustafa R, Nesrallah G, et al. Choosing Wisely: The Canadian Society of Nephrology’s List of 5 Items Physicians and Patients Should Question. Can J Kidney Health Dis. 2017;4:2054358117695570.

2.            Chan CT, Blankestijn PJ, Dember LM, Gallieni M, Harris DCH, Lok CE, et al. Dialysis initiation, modality choice, access, and prescription: conclusions from a Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Controversies Conference. Kidney Int. 2019;96(1):37-47.

3.            Chandna SM, Da Silva-Gane M, Marshall C, Warwicker P, Greenwood RN, Farrington K. Survival of elderly patients with stage 5 CKD: comparison of conservative management and renal replacement therapy. Nephrol Dial Transplant. 2011;26(5):1608-14.

Ausgewählt von

 

Österreichische Gesellschaft für Nephrologie fördert den Austausch praktisch-therapeutischer Erfahrungen und wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, koordiniert organisatorische Aufgaben für die Dialyse und Nierentransplantation und fördert den Betrieb und Ausbau von Dialysespezialabteilungen in Österreich einschließlich Heimdialyse.